Wo wir nun schon mal bei den Erinnerungen sind, noch etwas Positives aus alten Zeiten. Heute wird ja auch wieder hin und her palavert, wie der Bevölkerungsrückgang gestoppt werden könnte. In der DDR gab es ab 1972 für junge Paare unter bestimmten Voraussetzungen einen zinslosen Ehekredit über fünftausend Mark. Eine der Bedingungen war, dass die Ehepartner unter 27 Jahren sein mussten, eine zweite, dass es die erste Ehe war. Bei der Geburt des ersten Kindes wurden von dieser Kreditsumme 1.000 Mark, beim zweiten Kind 1.500 Mark und beim dritten innerhalb von sieben Jahren nach der Hochzeit 2.500 Mark (also die Restsumme) erlassen. Da ja gleich mit der Rückzahlung in kleinen Beträgen begonnen wurde, bekam man also entsprechend der Geburten wieder Geld ausgezahlt. Dieser Zeitraum für die Geburt des dritten Kindes wurde später sogar noch verlängert.
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Wie schon einmal berichtet, gab es beim Rat der Stadt ein Amt extra für die Vergabe von Wohnungen. Und dort wurde genau überwacht, wer überhaupt Anspruch auf eine Wohnung hatte. Unverheiratete hatten so gut wie keine Chance. Mit einem Kind unter zehn Jahren stand der Familie nur eine Zweiraumwohnung zu. Erst mit einem älteren oder mit zwei Kindern konnte man auf eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung hoffen. Wir hatten das große Glück, 1976 sechs Wochen vor der Geburt unseres zweiten Kindes eine solche neue Plattenbauwohnung mit Ofenheizung beziehen zu dürfen, nachdem wir drei Jahre in einem ehemaligen Stallgebäude in eineinhalb Zimmern ohne Bad gewohnt hatten. Frohgemut gingen wir im Frühjahr 1976 zum VEB Baustoffhandel (ehemals und jetzt wieder Fürstenberg ) und meldeten uns für neun Quadratmeter Fliesen für unser neues Bad an. Das hatte nur einen Sockel mit Ölfarbe, wie fast alle Bäder in Neubauwohnungen. Bei der Anmeldung wurde uns gesagt, dass wir etwa zwei Jahre warten müssten. Na ja, das war man ja gewohnt. Allerdings wurden sechs Jahre daraus. Erst kurz vor Ostern 1982 konnten wir die Fliesen beim Baustoffhandel kaufen und hatten sogar noch großes Glück dabei, dass sie einheitlich waren. Manche Leute bekamen bei der Menge zwei unterschiedliche Positionen und versuchten dann, untereinander zu tauschen.
Wie eben schon erwähnt, hatten damals die wenigsten Leute die Chance, an ein neues Auto zu kommen. Man musste sich schon in Geduld üben. In Rathenow war es so, dass einmal monatlich überhaupt die Möglichkeit bestand, sich dafür anzumelden. Wenn mich nicht alles täuscht, war es immer der letzte Montag im Monat, wo man in den Klub der Volkssolidarität in der Dimitroffstraße gehen und sich registrieren lassen konnte. Meine Anmeldung lief jedenfalls von Januar 1974 bis zur Wende. Ein eigenes Auto habe ich aber nie bekommen. Andere Leute waren da gewiefter. Da sich jeder nur einmal anmelden konnte, wurden von einigen auch Oma und Opa hingeschleppt. War die Wartezeit abgelaufen und das Auto abholbereit in Brandenburg, mussten sie natürlich auch dort mit hingenommen werden. So kam es, dass manche eben tatsächlich alle sechs bis sieben Jahre ein neues Auto hatten. Und das alte Fahrzeug wurde zum Preis des Neuwagens weiterverkauft. Auch damals bestimmten Angebot und Nachfrage den Preis. Dieser durfte natürlich nicht im Kaufvertrag erscheinen.
Wie schon am 13. Oktober versprochen, will ich mal ein wenig über die Rathenower Musikgruppen schreiben. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Rathenow eine große Zahl von Bands. Das lag zum einen daran, dass in dieser Zeit in Liverpool und anderswo eine neue Art von Musik entstand und zum anderen an der Tatsache, dass junge Leute nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung suchten. Und die fanden sie eben auch beim gemeinsamen Musizieren. Die “Electrics” sind zweifellos diejenigen, die am längsten zusammenspielen. Bei anderen Gruppen wechselte die Besetzung häufiger, manchmal änderte sich aber auch bloß der Name. Ich denke da zum Beispiel an “Exodus” und “Et Orbi”. Diese Namen wurden einfach verboten. Bei “Paternoster” sind wohl die geheimen Bewacher nicht dahintergestiegen, dass außer einem Aufzug noch etwas anderes gemeint sein konnte.
Wie gesagt, gab es zu Spitzenzeiten in und um Rathenow gut zwanzig Musikgruppen. Einmal jährlich fand ein Vorspielen statt, bei dem dann die Leistungen durch eine Jury bewertet wurden. Es war auch vorgeschrieben, zu welchem Prozentsatz “Westtitel” gespielt werden durften. Ganz verbieten konnte man das schon damals nicht. Gute Gruppen hatten dann am Wochenende von Freitag bis Sonntag Termine im Umkreis von vielen Kilometern. Die reichten bis Havelberg, Glöwen, Werbig, Belzig oder Neuruppin und noch weiter. Ein Problem stellte für die meisten die technische Ausrüstung dar. Man konnte nicht einfach in den Laden gehen und Instrumente oder Verstärker kaufen. Da waren die Gruppen gut dran, die Handwerker und Techniker in ihren Reihen hatten. Wer dann noch Beziehungen ins nichtsozialistische Ausland (sprich: Westdeutschland oder Westberlin) hatte, konnte natürlich für seine Band einiges organisieren. Die anderen mussten dann für einen Verstärker oder ein Mikrofon tief in die Tasche greifen. Eine zweite Herausforderung war das Transportproblem, denn von den jungen Leuten hatten ja die wenigsten ein Auto. Verschiedene Gruppen mussten deshalb einen Fahrer mit Auto und Anhänger anstellen. Und eine weitere Schwierigkeit war die Organisation überhaupt. Privat hatte niemand ein Telefon. Wer dann im Betrieb telefonieren konnte, vereinbarte eben dort die nächsten Termine. Ich sollte mal auf der Post aus dem Telefonbuch die Nummer für das Stahl- und Walzwerk in Brandenburg an der Havel heraussuchen, weil noch etwas zu klären war für den vereinbarten Termin. Und dabei bin ich fast verzweifelt, denn die Nummer war einfach nicht zu finden. Telefonbücher umfassten damals den gesamten Bezirk. Ich sah also zuerst unter V (wie Volkseigener Betrieb), unter B (wie Betrieb), unter K (wie Kombinat), unter G (wie Großbetrieb), unter S (wie Stahlwerk), unter W (wie Walzwerk), unter F (wie Fabrik) nach und wusste nicht mehr, wonach ich noch suchen sollte. Solch ein großer Betrieb und er war nicht im Telefonbuch zu finden. Beim Zuklappen kam ich zufällig auf Q und dort stand groß und breit: Qualitäts- und Edelstahlwerk Brandenburg. Das alles sind Sachen, die heute keiner mehr nachvollziehen kann. Da guckt man kurz ins Internet oder ruft die Auskunft an.
Aber noch mal zu den Bands: Viele bestanden etliche Jahre, obwohl die Organisation eben nicht einfach war. In Rathenow gab es an jedem Wochenende mehrere Tanzveranstaltungen für unterschiedliches Publikum. Auch von Betrieben wurden zahlreiche Veranstaltungen organisiert, da ja auch jede Berufsgruppe ihren Ehrentag hatte ( z.B. Lehrertag am 12.6., Tag des Gesundheitswesens im Dezember, Tag der NVA 1. 3., Internationaler Frauentag 8.3….). Mit den technischen Veränderungen (mehr Musik aus der Konserve, sprich: Disco) ging die Nachfrage nach Livemusik mehr und mehr zurück. Auch die Musiker hatten ja nun alle ein Alter erreicht, wo sie eben selbst eine Familie hatten . Da konnten die meisten nicht mehr an drei Terminen am Wochenende spielen, einen Abend proben und einen weiteren die Technik warten. So ging zum Beginn der achtziger Jahre die Zahl der Musikgruppen stark zurück und auch viele Räumlichkeiten, in denen mal Veranstaltungen stattfanden, existieren gar nicht mehr.


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