Das waren noch Zeiten

Wie schon am 13. Oktober versprochen, will ich mal ein wenig über die Rathenower Musikgruppen schreiben. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Rathenow eine große Zahl von Bands. Das lag zum einen daran, dass in dieser Zeit in Liverpool und anderswo eine neue Art von Musik entstand und zum anderen an der Tatsache, dass junge Leute nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung suchten. Und die fanden sie eben auch beim gemeinsamen Musizieren. Die „Electrics“ sind zweifellos diejenigen, die am längsten zusammenspielen. Bei anderen Gruppen wechselte die Besetzung häufiger, manchmal änderte sich aber auch bloß der Name. Ich denke da zum Beispiel an „Exodus“ und „Et Orbi“. Diese Namen wurden einfach verboten. Bei „Paternoster“ sind wohl die geheimen Bewacher nicht dahintergestiegen, dass außer einem Aufzug noch etwas anderes gemeint sein konnte.
Wie gesagt, gab es zu Spitzenzeiten in und um Rathenow gut zwanzig Musikgruppen. Einmal jährlich fand ein Vorspielen statt, bei dem dann die Leistungen durch eine Jury bewertet wurden. Es war auch vorgeschrieben, zu welchem Prozentsatz „Westtitel“ gespielt werden durften. Ganz verbieten konnte man das schon damals nicht. Gute Gruppen hatten dann am Wochenende von Freitag bis Sonntag Termine im Umkreis von vielen Kilometern. Die reichten bis Havelberg, Glöwen, Werbig, Belzig oder Neuruppin und noch weiter. Ein Problem stellte für die meisten die technische Ausrüstung dar. Man konnte nicht einfach in den Laden gehen und Instrumente oder Verstärker kaufen. Da waren die Gruppen gut dran, die Handwerker und Techniker in ihren Reihen hatten. Wer dann noch Beziehungen ins nichtsozialistische Ausland (sprich: Westdeutschland oder Westberlin) hatte, konnte natürlich für seine Band einiges organisieren. Die anderen mussten dann für einen Verstärker oder ein Mikrofon tief in die Tasche greifen. Eine zweite Herausforderung war das Transportproblem, denn von den jungen Leuten hatten ja die wenigsten ein Auto. Verschiedene Gruppen mussten deshalb einen Fahrer mit Auto und Anhänger anstellen. Und eine weitere Schwierigkeit war die Organisation überhaupt. Privat hatte niemand ein Telefon. Wer dann im Betrieb telefonieren konnte, vereinbarte eben dort die nächsten Termine. Ich sollte mal auf der Post aus dem Telefonbuch die Nummer für das Stahl- und Walzwerk in Brandenburg an der Havel heraussuchen, weil noch etwas zu klären war für den vereinbarten Termin. Und dabei bin ich fast verzweifelt, denn die Nummer war einfach nicht zu finden. Telefonbücher umfassten damals den gesamten Bezirk. Ich sah also zuerst unter V (wie Volkseigener Betrieb), unter B (wie Betrieb), unter K (wie Kombinat), unter G (wie Großbetrieb), unter S (wie Stahlwerk), unter W (wie Walzwerk), unter F (wie Fabrik) nach und wusste nicht mehr, wonach ich noch suchen sollte. Solch ein großer Betrieb und er war nicht im Telefonbuch zu finden. Beim Zuklappen kam ich zufällig auf Q und dort stand groß und breit: Qualitäts- und Edelstahlwerk Brandenburg. Das alles sind Sachen, die heute keiner mehr nachvollziehen kann. Da guckt man kurz ins Internet oder ruft die Auskunft an.
Aber noch mal zu den Bands: Viele bestanden etliche Jahre, obwohl die Organisation eben nicht einfach war. In Rathenow gab es an jedem Wochenende mehrere Tanzveranstaltungen für unterschiedliches Publikum. Auch von Betrieben wurden zahlreiche Veranstaltungen organisiert, da ja auch jede Berufsgruppe ihren Ehrentag hatte ( z.B. Lehrertag am 12.6., Tag des Gesundheitswesens im Dezember, Tag der NVA 1. 3., Internationaler Frauentag 8.3….). Mit den technischen Veränderungen (mehr Musik aus der Konserve, sprich: Disco) ging die Nachfrage nach Livemusik mehr und mehr zurück. Auch die Musiker hatten ja nun alle ein Alter erreicht, wo sie eben selbst eine Familie hatten . Da konnten die meisten nicht mehr an drei Terminen am Wochenende spielen, einen Abend proben und einen weiteren die Technik warten. So ging zum Beginn der achtziger Jahre die Zahl der Musikgruppen stark zurück und auch viele Räumlichkeiten, in denen mal Veranstaltungen stattfanden, existieren gar nicht mehr.

4 Gedanken zu „Das waren noch Zeiten

  1. Der Rathenower Steppenkurier

    Hm, hat man schon fast alles vergessen. Toll das es hier aufgeschrieben wurde.

    Da müsste ich ja glatt auch meine Erlebnisse als Diskjockey, oder auch in DDR-deutsch Schallplattenunterhalter, aufschreiben. Denn erlebt habe ich in dieser Zeit sehr viel Bemerkenswertes.

    Da war es die „besondere materiell-technische Lage“ in der sich mit uns ja ein ganzes Land befand und es war auch die Gradwanderung zwischen dem was die jungen Leute wollten, wir aber nur konnten und vor allem durften.

    Gern erinnere ich mich aber auch noch an die Bescheidenheit in den Köpfen und die Wärme in den Herzen. Das zu erleben war toll und es hätte uns so manches Mal um Kopf und Kragen bringen können.

    Doch ein bisschen Glück braucht eben ein junger Mensch

  2. Helga Artikelautor

    Es geht wohl nicht nur um Glück, sondern in erster Linie um eine sinnvolle, befriedigende Aufgabe. Viele „Sachen“, die heute passieren, entstehen hauptsächlich aus Langeweile. Junge Leute, die in ein intaktes Umfeld (Familie, Sportgemeinschaft)intergriert sind, fallen doch nicht negativ auf. Leider sind viele nicht mehr in der Lage, selbst aktiv zu werden und dieser Isolation zu entkommen. Sie haben im Elternhaus häufig nur Passivität erlebt und sehen im „Rumhängen mit Kumpels“ ein erstrebenswertes Ziel. Daraus resultierende Aggressionen entladen sich dann an Schwächeren oder Gegenständen (Graffity, Zerstörungen, Sachbeschädigungen).

  3. Der Rathenower Steppenkurier

    „Doch ein bisschen Glück braucht eben ein junger Mensch“
    Sorry, das war nur ein Spruch von mir bezogen auf das Glück das wir damals hatten gut durch die „Zeit“ gekommen zu sein.

    Deinen Anmerkungen zu einigen unserer heutigen jungen Leuten sind wohl richtig.
    Doch da kenne ich mich allerdings zu wenig aus.

  4. mücke

    Hallo Helga,
    Es gab schon zu DDR-Zeiten die Auskunft in der Deutschen Post mit Sitz in der Wilhelm-Külzstraße, also dort wo sie heute noch ist und man konnte sich auch handvermitteln (verbinden) lassen.Wenn also eine Überland-Leitung besetzt war dann wurde man eben später handvermittelt.

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